Hans-Josef Kuypers

Hans-Josef Kuypers

Interview mit Kreis-Wirtschaftsförderer Kuypers. Sein Rat: Wenn Kunden im Internet einkaufen, sollte es bei den Händlern vor Ort sein

KREIS KLEVE. Wie bei den meisten Institutionen, Firmen, Verbänden und Unternehmen  dreht sich auch bei der Wirtschaftsförderung (WFG) Kreis Kleve ein größter Teil ihrer Aktivitäten mit der Bewältigung der Folgen der Corona-Krise. Die Niederrhein Nachrichten sprachen darüber mit Kreiswirtschaftsförderer Hans-Josef Kuypers.

NN: Herr Kuypers, normalerweise würden Sie jetzt bei einem der regelmäßigen Unternehmerfrühstücke oder -abende im Kreis Kleve die Zuhörer über aktuelle wirtschaftliche Fragen informieren. Davon kann jetzt allerdings keine Rede sein. Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag verändert?

Kuypers: Die Wirtschaftsförderung Kreis Kleve hat traditionell ein sehr vielschichtiges Programm. Zugegeben, die vielen Veranstaltungen nehmen hier vor allem in der Öffentlichkeit einen breiten Raum ein. Das lässt sich bei etwa 50 Einzelveranstaltungen, gemeinsamen Frühstücken und Unternehmerabenden nicht anders sagen. Aber seit jeher zählen auch die Vier-Augen-Gespräche, die Gründer- und Unternehmensberatung eine nicht zu unterschätzende Rolle. Diese haben nun zu Corona-Zeiten eine wirklich tragende Bedeutung erhalten. Die intensiven Telefonate mit den Firmenchefs haben fast alle unsere weiteren Aufgaben abgelöst. Der Tourismus hat, sehen wir einmal von marketingorientierten werblichen Botschaften an die Presse und Öffentlichkeit ab, von Corona eine Pause verordnet bekommen. Schade, bei diesem herrlichen Wetter.

NN: Was hat derzeit bei Ihnen die höchste Priorität?

Kuypers: Der Unternehmer und sein Tun. Hat er Liefer-Engpässe, versuchen wir unser Netzwerk zu bieten. Hat er einen finanziellen Engpass, dann suchen wir gemeinsam nach Liquidität oder verfügbaren Sicherheiten und sprechen für ihn oder mit ihm die Sparkassen oder Volksbanken der Region an. Und braucht er Antworten auf anstehende Herausforderungen in der Personalwirtschaft, dann bauen wir Brücken zur Agentur für Arbeit, liefern Stichworte fürs Gespräch mit dem Rechtsanwalt oder Steuerberater.

NN: Welche Fragen bewegen die Unternehmer im Kreis Kleve am stärksten?

Kuypers: Es sind ganz eindeutig die Förderhilfen vom Kreis Kleve, vom Land und vom Bund. Das Soforthilfe-Programm des Kreises Kleve, kurz Soforthilfe Corona, die NRW Soforthilfe 2020, der KfW Schnellkredit für den Mittelstand für Unternehmen mit mehr als zehn Beschäftigten wie der KfW Unternehmerkredit und das KfW Sonderprogramm 2020. Sie alle haben ihre speziellen Zielgruppen gefunden. Der Weg dorthin war oft genug auch lediglich über Gespräche zu finden. Das weiß bei der Kreis-WfG niemand besser als Kollege Norbert Wilder, unser Prokurist. Das Problem: Man hatte das Empfinden, dass alle Firmenchefs zeitgleich Hilfe brauchten. Die Ursache ist uns auch klar: Mit jeder Programm-Vorstellung haben auch wir als Kreis-WfG Tausende von Firmenadressen im Kreisgebiet informiert – im ersten Rutsch 4.400. Da bleibt Resonanz natürlich nicht aus.

NN: Welchen Tipp können Sie den Unternehmern in der Krise mit auf den Weg geben?

Kuypers: Zunächst einmal Ruhe bewahren, den Mitarbeitern hohes Vertrauen schenken, auch beim Home-Office Schwerpunkte in der Vertrautheit beibehalten. Die Programme intensiv lesen, die Kurzarbeiter-Regelungen prüfen und letztlich die gewohnten Berater, insbesondere die mit den Zahlen vertrauten Steuerberater einbinden. Auch hier gibt es ja seit jüngstem die 100-Prozent-Förderung für ausgewählte Beratungsleistungen.

NN Gibt es derzeit überhaupt noch „normale Anfragen“, z.B. nach Gewerbegrundstücken?

Kuypers: Ja, die gibt es. Aber sie sind sehr übersichtlich. Wir haben ganz offen gesagt in den letzten zehn Tagen nur eine bedeutsame Anfrage gehabt. Diese kam von einem Niederländer über einen Steuerberater der Region und zielte auf eine Immobilie im Kleve-Goch-Umfeld ab. Gesucht wurde eine Immobilie auf etwa 5.000 Quadratmetern Grundstück. Es sollte eine Halle vorhanden sein, in der Produktion möglich ist.

Diese Krise wird damit im zweiten Schritt unsere Innenstädte und deren Anziehungskräfte verändern.

NN: Gibt es etwas, das wir alle aus der Krise lernen können?

Kuypers: Ich denke, da gibt es manches. Zunächst einmal haben wir wohl gelernt, dass die Entschleunigung nicht nur ein Schlagwort aus der Tourismuswerbung ist, sondern auch unsere gesamte Gesellschaft zu neuem Denken führen kann. Das beginnt damit, dass wir alle den Beitrag des Einzelnen zum gesamtgesellschaftlichen Gefüge neu überdenken. Hier sehe ich vor allem die Berufe im Sozialen und im Gesundheitswesen, die Bewundernswertes leisten. Was mich auch sehr bewegt ist die Furcht davor, dass Corona und der hervorgerufene „Hausarrest“ für viele von uns den Einkauf im Internet erstmals herbeiführt, diesen intensiviert oder schlimmstenfalls zur Gewohnheit werden lässt. Diese Krise wird damit im zweiten Schritt unsere Innenstädte und deren Anziehungskräfte verändern. Stimmt es denn, dass es in unserem Einzelhandel lichterloh brennt – und daran glaube ich – dann ist das Internet zu Zeiten von Corona „der“ Brandbeschleuniger schlechthin. Wenn ich als Wirtschaftsförderer, und da sind mit mir alle Berufskollegen im Kreisgebiet einig, nur einen Wunsch äußern darf: Wenn Sie schon im Internet kaufen müssen, dann tun Sie es bei Ihren Einzelhändlern vor Ort. Die bringen Ihre Ware in der Regel am selben Tag ins Haus.

Kerstin Kahrl – Niederrhein Nachrichten